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Verdacht auf Lese-Rechtschreib-Schwäche stets vom Augenarzt abklären lassen

Nicht jede Lese-Rechtschreib-

Schwäche ist eine echte Legasthenie. Manchmal liegt die

Ursache in einer Sehstörung. Eine Brille kann dann häufig

helfen. Im Vorfeld ihres Kongresses rät die Deutsche

Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) deshalb beim

Verdacht auf eine Lese-Rechtschreib-Schwäche stets zu einer

augenärztlichen Untersuchung. Gleichzeitig warnt die

Fachgesellschaft vor wissenschaftlich nicht fundierten

Therapien wie der Verordnung von Prismengläsern oder

Brillen mit Farbfiltern. Experten diskutieren dieses Thema

auch im Rahmen der Kongress-Pressekonferenz am

29. September 2011 in Berlin.


 

„Eine scharfe Abbildung des Textes auf der Netzhaut ist eine wichtige

Voraussetzung für das Erlernen von Lesen und Rechtschreiben",

erläutert Professor Dr. med. Susanne Trauzettel-Klosinski, die an der

Universitäts-Augenklinik Tübingen eine Spezialambulanz für Sehbehinderte

leitet. Eine Kurz- oder Weitsichtigkeit, ein gestörtes beidäugiges

Sehen und eine verminderte Naheinstellungsfähigkeit der Augenlinsen

können eine Leseschwäche auslösen oder verstärken. „Die Lösung ist

dann häufig eine Brille", so die Expertin. Doch nicht bei allen Kindern, die

eine Brille benötigen, würden sich danach die Probleme beim Lesen und

Schreiben bessern. Die Sehstörung ist in diesen Fällen nicht Ursache der

Lese-Rechtschreib-Schwäche, sondern tritt parallel zu ihr auf.

Die Ursache der echten Legasthenie ist zwar noch nicht endgültig

geklärt, eine Augenerkrankung ist sie nach Einschätzung von Trauzettel-

Klosinski jedoch nicht. Eine wissenschaftlich weithin akzeptierte Ursache

ist ein phonologisches Verarbeitungsdefizit, also ein Defizit in der

Sprachklangverarbeitung, was sich beim Lesen in der Schwierigkeit

ausdrückt, Buchstaben in Laute umzuwandeln. Ein zusätzliches visuelles

Defizit beim Verarbeiten schnell aufeinanderfolgender Reize wurde

beschrieben, betrifft aber wahrscheinlich nur eine Untergruppe der

Legastheniker.

Die Expertin warnt ausdrücklich vor einigen Therapien, die auf nicht

bewiesenen Hypothesen beruhen und dem Kind schaden können. Dazu

gehört die Annahme, die Legasthenie sei Folge einer sogenannten

Winkelfehlsichtigkeit, bei der die Bilder in beiden Augen auf leicht

versetzte Orte der Netzhaut projiziert werden. Vertreter dieser

wissenschaftlich nicht fundierten Theorie empfehlen die Verordnung von

Prismengläsern. „Leider ist diese Behandlung nicht nur unwirksam im

Hinblick auf die Lese-Rechtschreib-Schwäche", erläutert Trauzettel-

Klosinski. „Sie kann bei einigen Kindern auch zum Schielen führen und

eine Operation notwendig machen."

Eine weitere unbewiesene Theorie führt die Legasthenie auf eine

Störung der willentlichen Blicksteuerung zurück. Vertreter dieses

Erklärungsansatzes empfehlen ein Training schneller Augenbewegungen

- und zwar entgegen der spontanen Blickrichtung. „Dieses Training

verbessert zwar die Blickbewegungen, nicht jedoch die Lesefähigkeit", so

Trauzettel-Klosinski. Ohne wissenschaftliche Grundlage ist auch der

Versuch, die Lese-Rechtschreib-Schwäche durch Brillen mit getönten

Spezialgläsern zu behandeln: Eine positive Wirkung dieser sogenannten

Irlen-Filter ist durch Studien nicht belegt.

Die Expertin vermutet die Ursache der Legasthenie vor allem in einer

Störung der sprachlichen und möglicherweise gelegentlich zusätzlich der

visuellen Informationsverarbeitung im Gehirn. Augenärztliche Therapien

könnten sie deshalb nicht lindern. Eine Brille könne aber bei einer

vorhandenen Fehlsichtigkeit die Voraussetzung für eine erfolgreiche

Therapie schaffen.



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