Sehbehinderung Sehbehinderung
Slogan
Sehbehinderung Sehbehinderung

Unternavigation

Kalender

Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31
Soziale Netzwerke

Der BFS bei Facebook

Der BFS bei Facebook

Sehbehindertentag 2014

Logo Sehbehindertentag

Woche des Sehens

Logo Woche des Sehens Frau mit Fernglas

einfach teilhaben

Logo einfach teilhaben

QR - Code BFS e.V.

Qr Code BFS

Inhaltsbereich

Sie sind hier: www.bfs-ev.de / Low Vision / Bücher
Listen to this page with proReader .

Smartphones lernen Sehen - Computer-Vision -

Was bringt Amazons Fire Phone für blinde und sehbehinderte Nutzer?

Letzte Woche hat Amazon mit dem Fire Phone sein erstes eigenes Smartphone vorgestellt. Nachdem diese Geräte bisher nur mit Antippen oder Streichen mit einem oder mehreren Fingern zu bedienen waren (Touch-Oberfläche) kommt etwas ganz Neues

Der Handelsriese bringt seinem Smartphone das Computer-Sehen (computer vision) bei und nutzt dies auf ganz unterschiedliche Weise.

Das Smartphone "sieht" in zwei Richtungen: mit seiner ganz normalen Frontkamera und mit vier Infrarot-Kameras auf der Display-Seite.
Diese machen keine Bilder, sie erfassen die Position des Kopfes des Nutzers ganz genau, ganz gleich ob es ein Wuschelkopf, Glatzkopf oder eine Brillenträgerin ist. Diese Form des Computer-Sehens wird als neue Steuerung für das Smartphone benutzt.
Mit diesen Informationen kann etwa durch eine kurze Kippgeste mit der Hand eine Bildschirm-Seite mit zusätzlichen Informationen aufgerufen werden oder durch leichtes Neigen des Gerätes ein automatisches Scrollen gestartet oder gestoppt werden.
Für Sehbehinderte und Blinde bietet das den Vorteil, dass keine Schaltfläche oder ein bestimmter Bereich auf dem Bildschirm gefunden werden muss. Für Sehbehinderte entfällt das erneute Orientieren, wenn nach dem Ausführen eines Befehls die Finger von Display genommen werden.

Virtuelle 3D-Animation, anders "mehr" sehen, nützlich bei Landkarten und neuer Spielspaß

Das Gerät bietet eine virtuelle 3D-Ansicht, die ebenfalls durch die Position des Kopfes des Nutzers gesteuert wird. Amazon nennt das "dynamic perspective". Durch das langsame Neigen des Bildschirms nach links und nach rechts entsteht der Eindruck als würde man ein dreidimensionales Objekt, zum Beispiel einen ägyptischen Tempel jeweils von einem geänderten Standpunkt aus sehen. Das Ergebnis ist durchaus verblüffend und vermittelt wohl gerade Sehbehinderten eine Wahrnehmung von Dreidimensionalität und Tiefe, den sie so nicht kennen, da häufig das Sehen mit beiden Augen sehr eingeschränkt ist.

Bei einer Landkarten von New York sieht man zum Beispiel das Empire State Building fast aus der zweidimensionalen Oberfläche heraustreten und erhält so einen räumlichen Eindruck.
Die 3D-Simulation läßt sich auch für mehr Spielspaß einsetzen, um z.B. die Höhle eines Monsters als besonders schaurig wahrzunehmen und um vereinfachte schnelke Steuerungskonzepte einzuführen. Ja, auch Spiele sollten zugänglich sein.

Die zweite Art des Computer-Sehens dieses Smartphones: Gegenstände, Bilder, Filme, QR-Codes, Internet-Links, Mail Adressen und Telefonnummern

Für das "Sehen" hat diese Smartphone einen extra Knopf. Das aufgenommene Foto wird auf ganz wenige Daten vermindert und dann an einem Rechner weiter gesandt. Dort wird erkannt, ob es sich um Schokoladencreme, Tabs für die Spülmaschine, ein bestimmtes Buch oder ein bekanntes historisches Bild handelt. Bis zu 100 Millionen Objekte sollen so richtig beschrieben werden. Auch Fernsehserien werden erkannt, um welche Szene es sich genau handelt und welche Schauspieler gerade zu sehen sind. Auf Anzeigen oder Plakaten können QR-Codes, Internet-Links, Mail-Adressen oder Telefonnummern erkannt werden und auch gleich angerufen werden.
Diese Anwendung wird "Firefly" genannt, Glühwürmchen. Wahrscheinlich hat man dabei nicht an eine kleine Orientierungshilfe im Dunklen gedacht. Für Sehbehinderte und Blinde könnte das aber eine wichtige Hilfe im Alltag sein.

Zugänglichkeit ist ein Thema, das gesehen wird

Es gibt bereits Informationen zur Zugänglichkeit das Fire Phone. Das ist in Deutschland noch nicht selbverständlich, aber im englischsprachigen Raum durchaus übliche Praxis.
Bedienungshilfen wie Screenreader und Zoomvergrößerung sind von iOS und Android her bekannt; wie gut sie sind, müssen praktische Tests erweisen. Neu sind vor allem die einhändige Nutzung und die Bewegungsgesten aus dem Handgelenk heraus, aber auch ein nicht näher beschriebener Kontrastmodus, den Apple's iOS (noch nicht) und Googles Android bislang nicht bieten (aber Samsung's Android und Windows Phone). Allerdings fehlt auch hier ein durchgängiges Konzept zur visuellen Zugänglichkeit für Sehbehinderte.
Für alle Behinderten ist es wichtig, dass sich alle großen Firmen irgendwie und deutlich mehr um Zugänglichkeit für alle Menschen mit besonderen Bedürfnissen, mit " special needs" wie politisch korrekt gerne gesagt wird, kümmern.
Gerade auch in Apples Image-Filmen werden behinderte Menschen gezeigt. Das ist ein großer Fortschritt.

Geht es mit noch mehr neuer Technik weiter? Bessere Ausrichtung auf die Nutzungs-Erleben der Kunden?

Die neuen technischen Lösungen des Fire Phones könnten Startpunkt für viele Innovationen in den nächsten zwei Jahren sein, die fast schon marktreif sind:
intelligente Brillen und intelligente Uhren; mit Googles Tango wird es 3D auch vor dem Bildschirm geben, für die In-House-Navigation; auf neuartigen Bildschirmen werden auch Oberflächen von Krokodil-Leder oder Umrisse von Gegenständen als Berührungssimulation angezeigt werden; sich wölbende Erhebungen auf der Bildschirm-Oberfläche können als Bedienelemente zugeschaltet werden und hinter einen glatten Oberfläche wieder ganz verschwinden; Bedienung mit Nicht-Berührungs-Gesten, wie das Kippen des Geräts oder eine Bewegung des Kopfes, werden als neue Bedien-Gesten mit dem Körper (Natural-User-Interfaces) etabliert werden.
Das fällt auf: Amazon beobachtet die kaufenden Kunden ganz genau. Möglichst vereinfachte Bedienung wird mit perfekter Dienstleistung verbunden. Natürlich auch um den Kunden mehr an sich zu binden und um deren Geldbeutel zu öffnen. 
Apple wird sich sehr anstrengen müssen um dieser Verbindung von Technik und Dienstleistung etwas ähnlich Innovatives entgegenzusetzen.

Spannende Frage: Ist das Fire Phone auch für sehbehinderte Menschen in der Praxis gut nutzbar?

Am wichtigsten aber für uns Sehbehinderte: die neue Technik hat sicherlich ein hohes Potenzial für uns, aber können wir daran teilhaben? Wenn die vier eingebauten Infrarot-Kameras von einer normalen Lese-Distanz ausgehen, werden wir sehbehinderten 'Nah-Gucker" sie vielleicht gar nicht nutzen können. 

Anmerkung: einen redigierter Artikel ist bei INCOVS dazu von mir erschienen - vielen Dank für die Unterstützung!



  • PDF
  • Sie können diese Seite versenden/ empfehlen
  • Druckversion dieser Seite