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Die Kunst, tausend Kraniche zu falten

 

Lenka Löhrmann und Robert Heuser berichten vom Kunst- und Kommunikationskurs des BFS e.V.

 

„Ich helfe, 1000 Kraniche zu falten (Origami) – in Verbundenheit mit einer kranken Person, damit sie wieder Gesund wird.“ Damit beantwortet Kazue, 51 Jahre aus Japan, die Frage, wie schaffst du Frieden in deinem Umfeld? Diesen Gedanken hat Fabian Alexander aus der Kunstausstellung, über die Lenka im folgenden noch berichten wird, mitgenommen und am Folgetag im Mal-Workshop umgesetzt. Nun gut, 1000 Kraniche sind es nicht geworden, denn es galt ja auch, Bilder in Acrylfarben zu malen. Das haben  die  5 Teilnehmenden mit großem Erfolg unter Anleitung von Birgit Frieda Amhoff gemacht. Die Ergebnisse ihres künstlerischen Schaffens wurden sachverständig von der ganzen Gruppe, den 13 Theatermachenden und den 4 Betreuenden im Abschlussgespräch gewürdigt. Wie ist es zu dieser Veranstaltung gekommen?

 

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hatte das Förderprogramm „Das Zukunftspaket“ aufgelegt, um Beteiligungsmöglichkeiten und -fähigkeiten junger Menschen zu stärken. Jannik und Michelle griffen diesen Gedanken auf und stellten den Antrag auf Förderung des konkreten Einzelprojektes, das den Gruppen-Nicknamen Ku-Ko-Treffen bekam. Sie arbeiteten Zeitplan, Programm, Finanzierungsplan und Veranstaltungsrahmen mit Anfrage an die möglichen Referentinnen und Referenten aus. Sie fragten den BFS e.V., ob er  bereit sei, die Trägerschaft zu übernehmen, und der sagte gerne zu. Der Antrag wurde genehmigt und so kamen mit Margaret Reinhardt (1. Vorsitzende) und Robert Heuser (Referent für Jugendarbeit)  die Player des BFS e.V. ins Spiel. Schönes Ergebnis dieser gedeihlichen Zusammenarbeit wurde der Kurs mit 18 Teilnehmenden. Zwei mussten krankheitsbedingt so kurzfristig absagen, dass die Liste der Nachrückenden leider nicht zum Zuge kam. 10 Jungen und 8 Mädchen im Alter von 10 bis 21 Jahren teilten sich in zwei Gruppen, eine widmete sich der Malerei, die andere der Theaterkunst. Aber hören und lesen wir, was die theaterbegeisterte Lenka ihrem Tagebuch anvertraut hat.

 

Tagebuch zum Ku-Ko-Kurs 2023

Fr 27.10.

Laut ächzend wuchte ich meinen schweren Koffer von der Gepäckablage und eile zur Tür. Endlich bin ich da, in dem schönen Städtchen Rheda-Wiedenbrück, wo vom 27. Oktober bis zum 29. Oktober das Kunst –und Kommunikationswochenende stattfinden wird. Bei dieser tollen Freizeit wird sehbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen ermöglicht, in den Austausch zu kommen, Freundschaften zu schließen und wie ganz nebenbei Kunst zu schaffen.

Freudig trete ich aus dem Zug und werde von einem Betreuer in Empfang genommen, der sich meiner annimmt und mich zu unserer Unterkunft bringt. Bereits wenige Minuten später stehen wir vor dem Jugend-Gästehaus des ehemaligen Franziskaner Klosters in Wiedenbrück und betreten das Haus. Neugierig erkunde ich die Räume, lerne zum Beispiel die gemütliche Küche kennen, entdecke den Multifunktionsraum, in welchem wir noch häufig Zeit verbringen werden und richte mich anschließend in einem kleinen Zimmer mit Stockbett und wunderbarem Blick auf den Klostergarten häuslich ein.

Bald sind auch noch die letzten Reisenden eingetroffen und es entstehen rasch erste Bekannt-schaften und Gespräche. Als alles Gepäck verstaut ist, finden wir uns im Speiseraum ein, stärken uns mit einer heißen Tasse Tee oder Kakao bei leckerem Kuchen und starten dann auch schon mit dem Programm.

Wir versammeln uns im Multifunktionsraum und spielen einige Kennenlernspiele, wodurch wir bereits eine Menge übereinander erfahren. Wir finden zum Beispiel heraus, wer von uns Früh- oder Spätaufsteher ist  und welches Getränk wir beim Frühstück präferieren.

Die Zeit vergeht rasch und wir nähern uns dem Highlight des Abends, einem Besuch der Kunstausstellung „So schaffe ich Frieden“. Sie ist im benachbarten alten Klostergebäude zu bestaunen. Die Kuratorin Catrin Geldmacher führt uns durch die Ausstellung, in der 32 Kunstschaffende aus 12 Ländern vertreten sind, stellt uns die Künstler*innen vor und erzählt uns die Hintergründe zu zahlreichen Werken.

Die Malerin Birgit Frieda Amhoff werden wir am Folgetag beim von ihr geleiteten Workshop Acryl Malerei kennenlernen. Der Glaskünstler Willi Repke ist einer unserer Betreuer. Er ist mit einem Werk, das mich stark beeindruckt und das ich beziehungsreich Glasauge nenne, in der Ausstellung vertreten.  Seinen Text im Ausstellungskatalog zum Thema „So schaffe ich Frieden in meinem Freundeskreis“ darf ich hier mit freundlicher Genehmigung zitieren:

 

Ich darf sein, der ich bin.

Du darfst sein, der du bist.

 

Im Wir treffen wir uns und

lassen einander sein,

wie wir sind.

 (W. Repke)

 

Zum Schluss der Führung schenkt Catrin Geldmacher uns noch einige Exemplare des Austellungs-kataloges und wünscht uns einen guten, kreativen Verlauf unseres Kunst-Kurses.

Das Abendessen folgt, und wir versammeln uns wieder im Speiseraum, um hungrig über Spaghetti mit Tomatensoße herzufallen. Den Tag lassen wir mit Gesprächen und lustigen Spielerunden ausklingen. In freudiger Erwartung des nächsten Morgens klettern wir in unsere Stockbetten.

Sa 28.10.

Leise murrend vergrabe ich meinen Kopf unter dem Kissen. Was ist das nur für ein Krach? Ich habe eben doch noch so schön geschlafen. Es klopft an der Tür und der Weckdienst stürmt herein, im Schlepptau eine Musikbox, aus der laut eines meiner Lieblingslieder dröhnt. Mit plötzlich erwachtem Elan verlasse ich das Bett und reiße das Fenster auf. Frische Morgenluft strömt in meine Lunge und rasch beginne ich meine Klamotten zusammenzusuchen. Der heutige Tag soll ganz der Kunst gehören. Ich bin schon sehr gespannt und beeile mich, um rechtzeitig zum Frühstück zu kommen.

 

Nach zwei Brötchen mit Schokoladencreme, die Robert mitgebracht hat und der er den Handelsnahmen „Besser als Nutella“ gegeben hat  versammeln wir uns im Multifunktionsraum und die Betreuer erklären uns, dass es zwei Angebote gibt, zwischen denen wir wählen können. Zum Einen besteht die Möglichkeit, einen Malkurs von Birgit Frieda Amhoff zu besuchen, zum Anderen wird aber auch der Kurs zum Improvisationstheater angeboten, der von Theaterpädagoge Julian Repke geleitet wird. Ich entscheide mich für das Improtheater und nach dem die Maler*innen sich auf den Weg ins Künstlerhaus gemacht haben, beginnen wir mit einer Übung, die unsere Fantasie und Kreativität ganz schön ankurbelt. Wir bringen uns in verschiedenste Posen, versuchen eine Delfinschule entstehen zu lassen oder mit ausgebreiteten Armen einen Baum oder ein Straßenschild darzustellen. Wir lachen viel und bald kommen die verrücktesten Ideen zu Stande. Anschließend finden wir uns in Zweiergruppen zusammen und beginnen gemeinsam eine Geschichte zu spinnen, die wir durch das abwechselnde Sagen eines Satzes entstehen lassen. Bald erfüllen spannende Krimis, Fußballgeschichten und absolut abstruse Komödien den Raum und wir staunen nicht schlecht, was alles aus der eigentlich so simplen Übung hervorgeht.

Die Mittagspause nach diesem so produktiven Vormittag sieht uns im Speiseraum, wo wir uns auf die bereitgestellten Pizzen stürzen. Ganz gleich ob Salami, Gemüse oder Margarita, bald ist alles aufgegessen und der Küchendienst macht sich daran, die Tische abzuräumen. Wir anderen nutzen die verbleibende Zeit, um uns noch ein wenig auszuruhen, bevor es dann mit dem Programm weitergeht.

Wieder im Multifunktionsraum versammelt, stellen wir uns im Kreis auf und erhalten die Anweisung, uns ein Geräusch zu überlegen, welches unseren Körper oder unsere Stimme aufwärmt. Bald wird unser Kreis von einem Stampfen, klatschen, Summen und Schnalzen erfüllt. Unsere Geräusche verweben sich zu einem Klangteppich, den wir schließlich mit immer leiser werdenden Tönen enden lassen. Nun so gut auf das Folgende eingestimmt, gehen wir in verschiedene Emotionen, bringen Leidenschaft und Abneigung zum Ausdruck und versuchen positiv behaftete Wörter in einer negativen Stimmung und negativ behaftete Wörter in einer positiven Stimmung wiederzugeben. Ganz schön herausfordernd solche tollen Dinge wie Pfannkuchen oder Vanilleeis mit Abscheu zu sagen oder bei dem Worten Toilette putzen und Hausaufgaben Euphorie zu zeigen. Außerdem lassen wir verschiedenste Maschinen entstehen, bauen aus bewegten Körpern und Geräuschen eine Fabrik, stellen Schokolade her und passieren Portale.

Um 18:30 Uhr gibt es Abendessen , dann machen wir uns zu einem Spaziergang durch die Stadt auf. Müde fallen wir in unsere Betten, schade, morgen wird bereits der Tag der Abreise sein.

So 29.10.

Verschlafen reibe ich mir die Augen. Der Tag ist angebrochen, der letzte dieser wunderbaren Tage. Etwas Wehmütig klettere ich die Leiter meines Stockbettes hinunter und beginne ein paar Sachen zusammenzusuchen und in den Koffer zu legen. Meine Zimmernachbarin schläft noch, also bewege ich mich so leise wie möglich, ziehe behutsam das Spannbettlaken von der Matratze und falte es ordentlich zusammen. Als dann plötzlich laut dröhnende Musik erklingt, muss ich grinsen. Der Weckdienst ist wohl im Anmarsch. Tja, noch ist die Freizeit nicht vorbei.

Als wir uns zum Frühstück versammeln, erwarten uns dort nur spärlich gedeckte Tische, nur halbgefüllte Brotkörbe, wenige Aufstriche. Gerade möchte ich protestieren, schließlich brauche ich meine zwei Brötchen mit Schokoladencreme am Morgen, um gänzlich zu funktionieren, da wird uns erklärt, dass ein ausgiebiger Brunch auf dem Plan steht und wir jetzt nur eine kleine „Vorspeise“ zu uns nehmen werden. Gesagt, getan. Eilig stillen wir unseren ersten Hunger, ziehen uns dann die Jacken an und spazieren bei strahlendem Sonnenschein zum Café Schenke, um uns dort die Bäuche vollzuschlagen. Als wir ankommen und uns an dem uns zugewiesenem Tisch niederlassen, steigt mir der verführerische Duft von frischen Brötchen und heißer Schokolade in die Nase. Mein Magen beginnt zu knurren. Doch da werden bereits reichbestückte Tablets herangetragen und vor uns abgestellt. Rührei, Wurst, Käse, Obst, Jogurt, der Tisch wird immer voller und bald sind wir in gefräßiges Schweigen vertieft.

Als ich mich pappsatt zurücklehne, scheint die Sonne durch das große Fenster und wärmt meinen Rücken. Angeregte Gespräche erfüllen den Raum, lautes Lachen. Ich weiß, alle genießen noch einmal das Beisammensein. Die Freizeit ging nur wenige Tage und doch sind wir zu einer Gruppe zusammengewachsen, einer harmonischen Gruppe, in  Freude und Freundschaft. Ich werde alle ziemlich vermissen.

Wir machen uns auf den Rückweg, passieren zum letzten mal die schmale Brücke, schlängeln uns zum letzten Mal durch die kleinen Gässchen von Rheda-Wiedenbrück. Im Jugendgästehaus angekommen, versammeln wir uns noch einmal und reflektieren gemeinsam über das vergangene Wochenende, erzählen uns von unseren künstlerischen Arbeiten. So erfahre ich, dass im Malkurs Kreide, Acrylfarbe und Spachtel genutzt wurden, um die verschiedensten Bilder entstehen zu lassen. Ein aufgehender Mond, stürmische Meere, im Hafen liegende Segelboote zeichnen sich von den Leinwänden ab, die bereits zum mitnehmen bereit neben den Maler*innen liegen. Wir berichten von den Impro-Theaterübungen und läuten mit dem Versprechen, sich bald wiedersehen zu wollen, den Abschied ein. Nach und nach hört man Koffer über das Kopfsteinpflaster des ehemaligen Klosterhofes rattern, hier und da werden noch hastig Umarmungen ausgetauscht, dann muss auch ich zum Bahnhof. Als ich in den Zug steige und mich auf die Suche nach einem freien Sitzplatz mache, merke ich, wie dankbar ich bin. Dankbar, für diese Zeit, dankbar, für die wundervollen Menschen. Rheda-Wiedenbrück, ich glaube, wir haben uns nicht zum letzten Mal gesehen!